Luis Zuegg - Seilbahnpionier aus Südtirol

Reproduktion: Privatsammlung Albert Innerhofer
Luis Zuegg war einer jener Seilbahnpioniere, die die Entwicklung des Seilbahnwesens zu Beginn des 20. Jahrhunderts am meisten prägten. Seine Arbeiten zu Tragseilbremsen, Signaleinrichtungen und vor allem zur Seilspannung ermöglichten erst den Bau jener großer Personenseilbahnen, die später unter der Bezeichnung "System Bleichert - Zuegg" Weltruhm erlangen sollten und noch heute zuverlässig ihren Dienst tun.
Wer war Luis Zuegg, wie war sein Werdegang? Es ist der jahrelangen und verdienstvollen Forschungsarbeit des Lanaer Lehrers und Heimatforschers Albert Innerhofer zu danken, der in jahrelanger mühevoller Recherche die Geschichte der Familie Zuegg erforschte und diese als Obmann des Heimatschutzvereins Lana in seiner Gemeinde sowie darüber hinaus publizierte. All diese Forschungsergebnisse fassten Albert Innerhofer und Reinhold Staffler in ihrem Buch "Stählerne Stege - der Seilbahnpionier Luis Zuegg" zusammen, einem Buch, welches sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der graphischen Gestaltung zu den besten technikgeschichtlichen Publikationen gehört. Die Ausführungen auf dieser Internetseite basieren auf den Forschungsergebnissen des Lanaer Heimatforschers, ich danke Herrn Innerhofer ausdrücklich dafür, diese, zusammen mit Fotos aus seinem Privatarchiv hier aufnehmen zu dürfen.
Luis Zuegg wurde am 26. April 1876 in Mitterlana geboren. Sein Vater führte einen Hof mit Obstanbau und Viehzucht, seine Mutter betrieb einen der ersten Obsthandel in Lana. Luis Zuegg zeigte bereits in der Volksschule gute Leistungen und konnte von 1890 - 1898 das Benediktinergymnasium der Patres von Marienberg in Meran besuchen, welches er mit Auszeichnung abschloss. Zuegg studierte an der Technischen Hochschule Graz das damals neue Fach Elektrotechnik. Bereits während des Studiums brachte Luis Zuegg erste Publikationen heraus. 1903 kehrte der junge Diplomingenieur nach Lana zurück. Erste Arbeitsprojekte waren die Errichtung der zwei Stufen des Elektrizitätswerkes in der Gaul. Es folgte 1907 der Aufbau einer Braunpappenfabrik und 1921 die Errichtung der Materialseilbahn Lana - St. Pankraz im Ultental. Bereits um die Jahrhundertwende gab es Projekte, den Lanaer Hausberg Vigiljoch zu erschließen. Aus den Plänen, eine Zahnradbahn oder eine Dampfeisenbahn zu bauen wurde nichts, konkreter waren da schon die Pläne Zueggs. Zunächst wurde 1906 die erste Straßenbahn Südtirols, die Trambahn Lana - Meran errichtet. 1909 waren die Pläne für die Errichtung einer Seilschwebebahn auf das Vigiljoch so weit gediehen, dass der Bauauftrag vergeben wurde - jedoch nicht an Zuegg. Die Verantwortlichen entschieden sich für den bekannten Züricher Bergbahningenieur Emil Strub und die Firma Ceretti & Tafani aus Mailand. Während der Bauarbeiten starb Emil Strub, die Bauarbeiten wurden durch die Mailänder Firma weitergeführt. Während der behördlichen Schlussabnahme zeigten sich jedoch gravierende Sicherheitsmängel. Zuegg beseitigte diese Mängel zur vollen Zufriedenheit der Prüfbeamten, so dass die Seilbahn am 31. August 1912 eröffnet werden konnte. Mit Beginn des I. Weltkrieges wurde Zuegg als Landsturmingeneur eingezogen und im Seilbahnwesen eingesetzt. Unter der Regie Zueggs wurde eine Vielzahl von Feldseilbahnen gebaut, darunter die Seilbahn von der Franzens- zur Ferdinandshöhe mit einer Spannweite von 2300 m. Im Gebiet des Monte Rovere musste eine Feldseilbahn gebaut werden, jedoch war das gelieferte Seil 200 m zu kurz. In Abstimmung mit dem zuständigen Brigadegeneral baute Zuegg eine Seilbahn, in der die gesetzlichen Bestimmungen zur Seilspannung unbeachtet blieben. Diese Bestimmungen besagten zur damaligen Zeit, dass die Tragseile einer Personenseilbahn nur mit etwa einem Zehntel ihrer Zugfestigkeit gespannt werden durften. Zuegg erkannte, dass wesentlich straffere Seilspannungen - etwa ein Drittel der Zugbruchkraft - einen deutlichen Zugewinn an Sicherheit, eine längere Lebensdauer der Tragseile, größere Stützenweiten sowie eine höhere zulässige Fahrgeschwindigkeit bringen würden. Eine weitere Erfindung Zueggs war das Seiltelefon, welches vielen Soldaten das Leben rettete. Nach dem Krieg gründete Zuegg 1920 in Meran ein Konstruktionsbüro für Schwebebahnen. Zuegg lies sich seine während des Krieges gemachten Erfahrungen patentieren, ab 1920 begann der Bau der Musterseilbahn Meran - Hafling, die die Praxistauglichkeit der Zueggschen Erkenntnisse für große Personenseilbahnen nun auch gegenüber der italienischen Aufsichtsbehörde bewies. Die damals bedeutendste Seilbahnfirma der Welt, die Firma Bleichert aus dem sächsischen Leipzig, bot Zuegg nach der Besichtigung der Haflinger Bahn einen Lizenzvertrag an, den Zuegg auch unterschrieb. Das berühmte Seilbahnsystem Bleichert - Zuegg war geboren. Luis Zuegg projektierte noch einige weitere Seilbahnen, so die Stubnerkogelbahn Bad Gastein und die zweite Sektion der Galzigbahn in St. Anton. Bedingt durch die immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Verhältnisse stellten Luis Zuegg und sein Bruder Josef Zuegg die Seilbahnproduktion 1936 ein. 1948 erhielt Ing. Luis Zuegg die Ehrendoktorwürde jener Universität, die er einst als Student besuchte - Technische Hochschule Graz verlieh ihm den akademischen Grad eines Doktors der technischen Wissenschaften honoris causa "für die Entwicklung eines Systems, das für fast alle Personenseilschwebebahnen Anwendung fand". Luis Zuegg verstarb am 14. Januar 1955 im Alter von 78 Jahren während eines Erholungsurlaubs in seiner Villa Storietta in Bordighera an den Folgen einer plötzlich eintretenden Gehirnthrombose; er wurde am 19. Januar 1955 auf dem Untermaiser Friedhof beigesetzt. 1980 wurde in der Eingangshalle der nunmehr Technischen Universität Graz eine Gedenktafel für Dipl.-Ing. Luis Zuegg enthüllt.
| Von Luis Zuegg selbst ausgeführte Seilbahnanlagen: |
| * Musterseilbahn Meran - Hafling 1920, 1927 umgebaut |
| * Oropa - Lago Mucrone 1926 |
| * Torre de Buse - Valcava 1929 |
| * St. Ulrich - Seiser Alm 1935 |
| Auswahl von Seilbahnanlagen, die durch die Firma Bleichert nach dem System Bleichert - Zuegg ausgeführt wurden: |
| * Österreichische Zugspitzbahn 1926 |
| * Raxseilbahn Hirschwang 1926 |
| * Kreuzeckbahn Garmisch-Partenkirchen 1926 |
| * Pfänderbahn Bregenz 1927 |
| * Luftseilbahn Gerschnialp - Trübsee 1927 |
| * Schmittenhöhebahn Zell am See 1927 |
| * Kanzelwandbahn 1927 |
| * Patscherkofelbahn Innsbruck 1928 |
| * Predigtstuhlbahn Bad Reichenhall 1928 |
| * Seilbahn zum Tafelberg in Kapstadt 1929 |
| * Wankbahn 1929 |
| * Burgbergseilbahn Bad Harzburg 1929 |
| * Säntisbahn 1935 |
Bild 1 und 2: Porträts Luis Zuegg. Bild 3: Titel des Buches "Stählerne Stege - Der Seilbahnpionier Luis Zuegg". Bild 4: Patentschrift - alle Patente des Erfinders sind im Deutschen Patentamt München einsehbar. Bild 5: Urkunde der TH Graz zur Verleihung der Ehrendoktorwürde. Bilder 6 und 7: Trambahn Lana - Meran. Bilder 8 - 11: Vigiljochbahn Lana. Bilder 12 und 13: Musterseilbahn Meran - Hafling.
Fotos: Privatsammlung Albert Innerhofer - mit freundlicher Genehmigung.