Die waren von ME - die Seilbahnpioniere der Maschinenfabrik Esslingen

 

Titelblatt eines Prospekts zu Standseilbahnen der ME. Quelle: Heritage Information Center der Daimler AG Stuttgart

Spricht man von Seilbahnpionieren in Deutschland, werden die Namen Bleichert, Pohlig und Heckel genannt. Dies ist durchaus zutreffend, waren diese doch jene Firmengründer, deren Namen für die bedeutendsten Drahtseilbahnanlagen vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts standen. Wie in den Einzelporträts bereits dargestellt, waren dies zu einem Großteil Materialseilbahnen. Teilweise reizten sie die technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit aus, denkt man nur an die Anlagen von Bleichert und Pohlig in Südamerika. Aber auch Seilschwebebahnen für den Personentransport waren das Ergebnis ihrer Arbeit - eine exemplarische Auflistung finden Sie ebenfalls in den Einzelporträts zu Bleichert, Pohlig und Heckel. Standseilbahnen für den Personentransport entwickelten und bauten in Deutschland vor allem die Techniker und Ingenieure der Maschinenfabrik Esslingen, denen diese Seite gewidmet ist. Anzumerken ist, dass die Maschinenfabrik Esslingen ein "Vollunternehmen" war, welches neben den in den nachfolgenden Ausführungen angesprochenen Eisenbahn- , Standseilbahn- und anderen Schienenfahrzeugen Krananlagen, Brücken, Schiffe und ganze Industrieanlagen herstellte.

Gründer des Unternehmens war der badische Ingenieur und Unternehmer Emil Kessler sen. (1813 - 1876), welcher seit 1837 die erste Lokomotivfabrik Südwestdeutschlands in Karlsruhe betrieb. Aus dem Mitarbeiterstamm der Kesslerschen Maschinenfabrik ragt Niklaus Riggenbach (1817 - 1899), einer der bedeutendsten Schweizer Eisenbahnpioniere hervor, der 1940 als junger Mitarbeiter zunächst für zwei Jahre zu Kessler kam. Nach einer kurzen Tätigkeit in Basel zog es Riggenbach erneut nach Karlsruhe, wo er in kurzer Zeit in die Geschäftsführung aufstieg. Niklaus Riggenbach war in seiner Karlsruher Zeit an der Konstruktion von über 150 Lokomotiven beteiligt, so auch an der Maschine "Limmat", welche auf der am 9.8.1847 eröffneten Schweizer Nordbahn, auch "Spanisch - Brötlibahn" genannt, zum Einsatz kam. Riggenbach brachte die Maschine persönlich in die Schweiz und erprobte sie auf der Strecke Zürich - Schlieren. Bis zum Jahr 1853 blieb Riggenbach in Karlsruhe - in diesem Jahr berief ihn das Direktorium der Schweizer Centralbahn Gesellschaft zum Direktor der Maschinenwerkstätte. 1845 schrieb die Württembergische Regierung die Gründung einer Fabrik aus, welche Lokomotiven, Wagen, Weichen und Drehscheiben für die Württembergische Eisenbahn produzieren sollte - man wollte nicht mehr von den Importen aus anderen Ländern abhängig sein. An dieser Ausschreibung beteiligten sich der Münchner Fabrikant Maffei sowie Emil Kessler, zum damaligen Zeitpunkt 33 Jahre alt. Im Ergebnis des Ausschreibungsverfahrens betraute die Kommission Kessler mit der Gründung der Maschinenfabrik Esslingen, für die sich die Bezeichnung "ME" in den Geschichtsbüchern eingebürgert hat. Bereits nach zwei Jahren war ein Werk errichtet, in dem 450 Arbeiter Lohn und Brot fanden. Die Produktion von Dampflokomotiven und Waggons begann, 1852 folgten die ersten Neckardampfschiffe; 1957 hatte ME schon über 1000 Beschäftigte. 1853 baute ME zehn Stutztenderlokomotiven für die österreichische Semmeringbahn, insgesamt wurden 170 Lokomotiven dieser Bauart für Österreich, die Schweiz und Frankreich produziert. 1867/68 bricht ME das britische Exportmonopol für den Lokomotivenexport nach Übersee; 20 Lokomotiven für die ostindische Eisenbahn Kalkutta - Dehli werden ausgeliefert, 1875 folgen 54 Lokomotiven für die russische Uralbahn. Dass ME einer der ersten "Global-Player" war zeigt die Tatsache, dass für die Jahre 1877 - 81 gesehen das Rußlandgeschäft 55 % des Gesamtumsatzes von ME ausmachte.1872 beginnt der Straßenbahnbau mit der Lieferung von Wagen für die Pferdestraßenbahn Stuttgart - Berg. Bedeutende Eisenbauten, wie das Panoramagebäude in München (1882) folgen, 1884 beginnt der Bau von Zahnradbahnen. Natürlich wollte man als "Vollunternehmen", welches alle Bereiche des damaligen Transportwesens bediente, auch bei der Errichtung von Standseilbahnanlagen vertreten sein. Dies auch auf Grund der Tatsache, dass ab den 1870-er Jahren die touristische Erschließung der Gebirgsregionen begann. So wurden 18885 die ersten beiden Standseilbahnen von ME in Portugal und Italien errichtet. Den Ruhm, die erste Standseilbahn Deutschlands zu errichten, verpasste ME allerdings - die Zeitzer Drahtseilbahn war ein Werk von Johann Tretrop, Inhaber eines Baugeschäftes und Bahnmeister der Thüringischen Eisenbahngesellschaft. Dafür kamen die nächsten fünf Bahnen aus Esslingen und auch weitere Bahnen lieferte ME in einer weit höheren Qualität als der Baumeister der Zeitzer Drahtseilbahn - lesen Sie im Porträt der Zeitzer Bahn auf dieser Internetseite nach! 1887 liefert ME für die Gaisbergbahn bei Salzburg reine Zahnradlokomotiven mit zwei Treibzahnrädern, im gleichen Jahr lässt G. Daimler sein erstes vierrädriges Fahrzeug bei ME auf Motorbetrieb umrüsten. 1884 liefert ME bereits die 2000. Lokomotive aus, ebenfalls die Bahn Nr. 1 der Zahnradbahn Stuttgart - Degerloch - ME ist Gründungsmitglied dieser Bahn. 1902 liefert ME die Triebgestelle für die auf elektrischen Antrieb umgestellte Stuttgarter Zahnradbahn. Für die südamerikanische Bergbahn zwischen Argentinien und Chile (65 km Zahnstange) werden 1912 Lokomotiven mit 87,5 t Dienstgewicht geliefert, welche ein Riggenbach-Triebwerk mit einem Zahnrad System Abt kombinieren. 1913 liefert ME für die 439 km lange Aica La-Paz-Bahn, die einen Höhenunterschied von 4080 m überwindet schwere meterspurige Adhäsions- und Zahnradlokomotiven mit 92 t Dienstgewicht. 1917 werden die leistungsfähigsten Dampflokomotiven der Welt hergestellt, die 1-F (sechsfachgekuppelten) Güterzuglokomotiven. 1924 verlässt die 4000. Lokomotive der Klasse C die Produktionshallen. 1924: Beginn der Diesellokproduktion zusammen mit MAN. 1935 baut die chilenische Vertretung von ME, die Firma Ferrostaal in Santiago, zehn überschwere Lokomotiven (2500 PS, 183 t Dienstgewicht mit Tender) für die chilenische Staatsbahn. Im gleichen Jahr stellt ME anlässlich der Hundertjahrfeier der Deutschen Eisenbahn in Nürnberg den ersten Wechselstrom-Schnelltriebwagen für 160 km/h vor - Gesamtleistung 1450 PS. 1941 baut ME die stärkste elektrische Zahnradlokomotive der Welt - System Riggenbach - für die A. Ribbeck'schen Montanwerke in Halle, weitere Zahnradlokomotiven mit "Rekordwerten" folgen. 1954 liefert ME die stärkste sechsfach gekuppelte Meterspur-Zahnradlokomotive an Argentinien. 1959 lieferte ME 350 Stück vierachsige Straßenbahnwagen vom Typ GT 4 an die Stuttgarter SSB AG - die größte für einen deutschen Straßenbahnbetrieb gebaute einheitliche Fahrzeugserie. Originalfahrzeuge von ME sind im Strassenbahnmuseum der SSB AG zu sehen und, bei Museumsfahrten, auch im Fahrbetrieb zu erleben. 1963 wird die letzte Dampflokomotive der Kgl. Württembergischen Staatsbahn feierlich ausgemustert; die im Jahre 1914 in Dienst gestellte Lokomotive legte insgesamt 2,8 Millionen km zurück. 1965 wurde ME vom damaligen Hauptaktionär, der Gutehoffnungshütte aus Oberhausen, an die Daimler-Benz-AG Stuttgart verkauft. 1966 wurde die letzte Dampfzahnradlokomotive ausgeliefert - das Kapitel Lokomotiv- und Waggonbau war beendet. 1968 ging die Belegschaft in die Daimler-Benz-AG sowie in die Fahrzeugwerke Esslingen GmbH (Produktion von Flurfördermitteln) über. ME existierte lediglich als Grundstücksverwaltungsgesellschaft weiter, die 2002 ihre endgültige Auflösung beschloss.

Die Unterlagen zur Geschichte von ME befinden sich im  Heritage Information Center der Daimler AG Stuttgart; ich danke Herrn Rebus / Heritage Information Centre für die zur Verfügung gestellten Informationen.

Standseilbahnen der Maschinenfabrik Esslingen

Nr. Anlage Land Baujahr Länge in m max. Steigung in % Förderhöhe in m ursprünglicher Antrieb    
1 Lissabon - Gloria PT 1885 265 18 48 mechanisch + Wasserballast    
2 Piovene bei Vicenza I 1885 195 37 70 mechanisch + Wasserballast    
3 Bad Ems - Malberg D 1887 520 54,5 216 Wasserballast    
4 Karlsruhe - Turmberg D 1888 315 34 100 Wasserballast    
5 Nazare - Ligar do Sitio PT 1888 306 41 110 Dampf    
6 Wiesbaden - Neroberg D 1888 490 26 95 Wasserballast    
7 Heidelberg Sektion I D 1889 490 43 175 Wasserballast    
8 Isabel - Bahia BR 1889 111 64 65 Dampf    
9 Porto - Guinades I PT 1889 424 50 75 Dampf    
10 Porto - Guinades II PT 1889 114 50 51 Dampf    
11 Lissabon - Bica PT 1891 260 30 50 Dampf    
12 Salzburg - Hohensalzburg A 1892 200 61 100 Wasserballast    
13 Graz - Schlossberg A 1894 220 63 109 Dampf    
14 Andernach - Krahnenberg D 1895 530 33,5 118 Wasserballast    
15 Leoni - Rottmannshöhe D 1896 880 22 91 Dampf    
16 Pilar - Bahia BR 1897 73 78 46 Dampf    
17 Palermo - Monreale I 1899 1100 12,2 184 elektrisch    
18 Bad Wildberg - Sommerberg D 1908 752 52 300 elektrisch    
19 Erdmannsdorf - Augustusburg D 1911 1250 20 170 elektrisch    
20 Baden-Baden - Merkur D 1913 1195 54 370 elektrisch    
21 Sao Paulo - Innenstadt BR 1914 260 70 142 elektrisch    
22 Bergen - Floi NO 1918 844 49 302 elektrisch    
23 Koblenz - Rittersturz D 1928 208 27,6 94 elektrisch    
24 Stuttgart - Waldfriedhof D 1929 536 28,2 85 elektrisch    

Tabelle: Stuttgarter Straßenbahn AG

1 2 3 4 5 6 7

8 9

Bild 1: Titelblatt eines Prospekts zu Standseilbahnen der ME. Bild 2: Standseilbahn "Floibanen" bei Bergen(Norwegen), obere Mittelstation, ca. 1935. Bild 3: Standseilbahn "Floibanen" bei Bergen(Norwegen), untere Mittelstation, ca. 1935. Bild 4: Standseilbahn "Rittersturzbahn" bei Koblenz, Antriebswinde, ca. 1935. Bild 5: Wagen der Rittersturzbahn. Bild 6: Merkurbahn bei Baden-Baden, Ausweichstelle von oben gesehen, ca. 1935. Bild 7 - 9: Standseilbahn zum Waldfriedhof Stuttgart.:

Fotos: Heritage Information Center der Daimler AG Stuttgart

Weitere Fotoaufnahmen zu von der Maschinenfabrik Esslingen errichteten Standseilbahnen entnehmen Sie den Einzeldarstellungen der Anlagen auf dieser Internetpräsenz.